Frage an den Bibeltext
„Liebt eure Feinde“: Was verlangt Jesus damit?
Jemanden zu lieben verbinden wir oft mit Zuneigung und dem Wunsch nach Nähe. Bei einem Feind scheint das kaum möglich. Jesus erläutert „Liebt eure Feinde“ deshalb durch konkrete Handlungen: Gutes tun, auf Rache verzichten und für Menschen beten, die einem schaden.
Das Gebot betrifft den Umgang mit dem anderen auch dort, wo freundliche Gefühle fehlen. Es verlangt keine Zustimmung zu seinem Unrecht und kein sofortiges neues Vertrauen. Wie weit der Verzicht auf Gewalt reicht, wird unter Christen unterschiedlich verstanden.
Was heißt „lieben“ hier konkret?
Jesus spricht im Lukasevangelium zu seinen Jüngern, den Menschen, die ihm folgen. Er fordert sie auf, Hassenden Gutes zu tun, Fluchende zu segnen und für Menschen zu beten, die sie misshandeln (Lukas 6,27–36). Er erläutert das Wort „lieben“ damit durch Handlungen.
Jesus setzt hier keine bereits vorhandene Sympathie voraus. Auch wenn der andere sich feindlich verhält, soll es den Jüngern um sein Wohl gehen. Daraus folgt keine allgemeine Definition, nach der Liebe nie mit Gefühlen zu tun hätte; in diesem Gebot steht das Handeln gegenüber einem Gegner im Vordergrund.
Dazu kann gehören, um seine Umkehr und das Ende seines Unrechts zu beten. Feindesliebe verlangt weder Zustimmung zu seinem Handeln noch die Wiederherstellung einer beschädigten Beziehung.
Darf ich mich schützen und Abstand halten?
Als Jesus seine Jünger aussendet, bereitet er sie auf Verfolgung vor. Er sagt ihnen auch, sie sollten dann in eine andere Stadt fliehen (Matthäus 10,23). Später berichtet die Apostelgeschichte von Paulus, einem frühen Verkündiger Jesu: Als man ihn auspeitschen will, beruft er sich auf sein römisches Bürgerrecht und verhindert so die Misshandlung (Apostelgeschichte 22,25–29).
Abstand, schützende Grenzen und das Ansprechen von Unrecht widersprechen der Feindesliebe daher nicht. Ein Täter erhält durch das Gebot keinen Anspruch auf weiteren Zugang zu seinem Opfer.
Jesus fordert auch dazu auf, einem Menschen, der einen auf die Wange schlägt, die andere hinzuhalten (Matthäus 5,39). Damit fordert Jesus weit mehr als bloße Höflichkeit. Jesus fordert einen wirklichen Verzicht auf Vergeltung. Die Beispiele behandeln jedoch nicht ausdrücklich jede Situation, in der ein anderer Mensch akut bedroht wird. Welche Schutzmittel dann erlaubt sind, muss anhand weiterer Texte begründet werden.
Hat das Alte Testament Feindeshass geboten?
Matthäus 5,43 nennt den Satz, man solle den Nächsten lieben und den Feind hassen. Die Nächstenliebe steht in 3. Mose 19,18; der Zusatz über Feindeshass steht so nicht als Gebot in den fünf Mosebüchern, die im Judentum Tora genannt werden.
Schon 2. Mose 23,4–5 verlangt Hilfe für das Tier eines Feindes. Sprüche 25,21 fordert dazu auf, einen hungrigen Feind zu speisen.
Jesus führt die Liebe in Matthäus 5 über die eigene Gruppe hinaus. Seine Begründung ist Gottes Handeln: Sonne und Regen kommen Guten und Bösen zugute.
Erlaubt Römer 13 Gewalt?
Paulus fordert in seinem Brief an die Christen in Rom dazu auf, Verfolger zu segnen, Rache zu unterlassen und das Böse durch Gutes zu überwinden (Römer 12). Im folgenden Kapitel beschreibt er staatliche Autorität als dem Guten verpflichtet und mit der Aufgabe betraut, Unrecht zu ahnden (Römer 13).
Katholische und viele protestantische Auslegungen unterscheiden deshalb persönliche Rache von begrenzter, rechtmäßiger Schutzgewalt. Die katholische Lehre bindet Verteidigung an Bedingungen; das Augsburger Bekenntnis erlaubt Christen öffentliche Ämter.
Kirchen in der täuferisch-mennonitischen Tradition betonen dagegen konsequente Gewaltfreiheit. Ihre Friedensethik zieht eine andere Folgerung: Jesu Weisung und sein eigener Gewaltverzicht verpflichten seine Gemeinde zu konsequenter Gewaltfreiheit. Römer 13 beschreibe staatliche Macht, ohne Christen ausdrücklich mit dem Schwert zu beauftragen.
Dieser Streit lässt sich nicht durch einen einzelnen Vers entscheiden. Staatliche Gewalt ist jedenfalls nicht schon deshalb gerecht, weil sie staatlich ist. Das Buch der Offenbarung beschreibt in Kapitel 13 auch eine politische Macht, die Menschen unterdrückt und sich gegen Gott richtet.
Meint Jesus nur private Feinde?
Eine verbreitete Erklärung trennt zwei griechische Wörter: echthros sei der Privatfeind, polemios der öffentliche oder militärische Gegner. Daraus wird manchmal gefolgert, Jesu Gebot gelte nur für private Feindschaft.
Der biblische Sprachgebrauch trägt diese starre Grenze nicht. In der griechischen Fassung von 5. Mose 20,1 bezeichnet echthros auch Kriegsgegner. In Lukas 19,43 sind damit die Feinde gemeint, die Jerusalem belagern.
Jesu Gebot lässt sich deshalb nicht mithilfe dieser Worttrennung auf harmlose persönliche Konflikte begrenzen. Auch gegenüber politischen oder gewalttätigen Gegnern bleibt die Absage an Hass und Rache bestehen. Welche Schutzmittel damit vereinbar sind, muss inhaltlich begründet werden.
Die Antwort auf die Ausgangsfrage
Feindesliebe verlangt Gutes tun und den Verzicht auf Rache
Jesus verlangt mit „Liebt eure Feinde“, Menschen auch bei Feindschaft Gutes zu wünschen und zu tun, für sie zu beten und auf persönliche Rache zu verzichten. Dafür musst du keine Zuneigung vorspielen und ihr Unrecht nicht gutheißen. Abstand und Schutz bleiben möglich. Welche Form von Gewalt zum Schutz anderer damit vereinbar ist, wird unter Christen unterschiedlich beurteilt; das Gebot selbst erlaubt weder Hass noch Vergeltung als Ziel.