PHANEIA

Biblischer Begriff

Was heißt beten nach der Bibel?

Beim Beten denken wir oft an eine Bitte, auf die wir eine Antwort erwarten: Ich brauche Hilfe, ich bitte Gott darum – und hoffe, dass er tut, worum ich ihn bitte. Solche konkreten Wünsche haben in der Bibel ihren Platz. Beten umfasst aber auch Klage, Dank und das Vertrauen auf Gott, wenn die erhoffte Veränderung ausbleibt.

Jesus selbst bittet vor seinem Tod darum, nicht leiden zu müssen. Zugleich überlässt er den Ausgang dem Vater. An diesem Gebet zeigt sich, wie eine ernst gemeinte Bitte und das Vertrauen auf Gottes Willen zusammenstehen können.

Darf ich Gott um das bitten, was ich wirklich will?

Das Vaterunser enthält sehr konkrete Bitten: um Brot, Vergebung und Bewahrung. Jesus lehrt Menschen, ihre Bedürfnisse vor Gott zu bringen. Sie müssen ihre Wünsche nicht erst so abschwächen, dass nichts Bestimmtes mehr übrig bleibt.

In der Nacht vor seiner Verhaftung betet Jesus an einem Ort namens Gethsemane. Er bittet, der bevorstehende „Kelch“ möge an ihm vorübergehen. Mit diesem Bild ist sein Leiden und Sterben gemeint. Jesus bittet also um einen anderen Weg und sagt zugleich, der Wille des Vaters solle geschehen (Markus 14,36).

„Dein Wille geschehe“ kann deshalb mit einer eindringlichen Bitte um Veränderung verbunden sein. Der Betende überlässt Gott das letzte Urteil über ihren Ausgang.

Klage gehört zum Gebet

Die Psalmen sind eine Sammlung biblischer Lieder und Gebete. In Psalm 13 fragt ein Beter wiederholt, wie lange Gott noch fernbleiben werde. Psalm 88 endet sogar in Finsternis: Der Beter beschreibt seine Not, ohne am Schluss schon Hilfe oder Trost gefunden zu haben.

In solchen Gebeten darf die Not ausgesprochen werden, auch wenn noch kein Trost in Sicht ist. Der Beter beschreibt seine Lage vor Gott, statt sie religiös zu beschönigen. Gerade indem er sich mit seiner Klage an Gott wendet, hält er die Beziehung offen.

Dank und Anbetung haben daneben ihren Platz. Sie erinnern an Gottes Handeln und richten den Blick auf ihn. Das verpflichtet niemanden, ein erlittenes Unrecht gut zu nennen.

Verspricht Jesus, jedes Gebet zu erfüllen?

Jesus fordert zu beharrlichem und vertrauensvollem Bitten auf. In Markus 11,24 fordert er seine Jünger auf zu glauben, dass sie das Erbetene empfangen haben. In Johannes 14,13 verspricht er, zu tun, worum sie in seinem Namen bitten. Für sich gelesen, können diese Sätze wie eine Zusage jedes gewünschten Ergebnisses klingen.

Andere Stellen machen deutlich, wie diese Zusagen einzuordnen sind. 1. Johannes 5,14 spricht vom Bitten nach Gottes Willen. Jakobus 4,3 nennt selbstsüchtige Bitten, die nicht gewährt werden. Paulus berichtet, dass er Gott mehrfach um Befreiung von einer Belastung gebeten hat, die er einen „Dorn“ nennt. Gott nimmt sie ihm nicht ab, sagt ihm aber seine tragende Gnade zu (2. Korinther 12,7–10). Was genau dieser Dorn war, wird nicht eindeutig erklärt.

„In Jesu Namen“ zu beten ist deshalb keine Formel, die Gott zu einem bestimmten Ergebnis verpflichtet. Wer so betet, beruft sich auf Jesus. Nach Johannes 14 geht es dabei darum, dass Gottes Handeln und Güte durch Jesus sichtbar werden.

Wer so betet, darf weiterhin wirkliche Hilfe von Gott erwarten. Sie verhindert aber, jede ausgebliebene Heilung auf zu wenig Glauben zurückzuführen. Dafür geben die Beispiele Jesu und des Paulus keinen Anlass.

Wie kann Jesus erhört worden sein, wenn er leiden musste?

Hebräer 5,7–9 sagt, Jesus habe mit Schreien und Tränen gebetet und sei erhört worden. Das Leiden blieb ihm trotzdem nicht erspart.

Der Abschnitt erklärt nicht ausdrücklich, worin die Erhörung bestand. Eine gut begründete Auslegung sieht sie in seiner Auferstehung: Er wurde aus dem Tod gerettet. Eine andere betont, dass er zum gehorsamen Durchstehen des Leidens befähigt wurde.

Beide Deutungen nehmen ernst, dass Erhörung hier nicht einfach die Vermeidung des Kreuzes bedeutet. Daraus folgt allerdings noch keine Erklärung für jedes unerhörte Gebet.

Was bleibt, wenn eine Antwort ausbleibt?

Die Bibel kennt Warten, fehlgeleitete Bitten, erfahrene Hilfe und Leiden, dessen Grund verborgen bleibt. Diese Situationen lassen sich nicht von außen sicher auseinanderhalten.

In seinem Brief an die Christen in Rom beschreibt Paulus eine Welt, die leidet und auf Befreiung wartet. Auch Glaubende sind davon betroffen. Selbst wenn sie nicht wissen, was sie beten sollen, tritt Gottes Geist für sie ein (Römer 8,18–27). Der Text setzt keine fertig formulierte Erklärung der eigenen Not voraus.

Du kannst deshalb weiter um Hilfe bitten, die Enttäuschung aussprechen und zugleich offenlassen, was du nicht verstehst. Für all das gibt es Beispiele in den biblischen Gebeten.

Die Antwort auf die Ausgangsfrage

Beten heißt: sich mit dem eigenen Leben an Gott wenden

Nach der Bibel darfst du Gott um konkrete Hilfe bitten, ihm danken und ihm auch Wut, Not oder Enttäuschung sagen. Beten ist keine Methode, ein gewünschtes Ergebnis zu erzwingen. Jesus verbindet seine Bitte mit Vertrauen auf den Vater; die Psalmen lassen auch unbeantwortete Klage stehen. Wenn eine Bitte unerfüllt bleibt, beweist das deshalb weder zu wenig Glauben noch Gottes Gleichgültigkeit.