PHANEIA

Frage an den Bibeltext

Was bedeutet das Vaterunser? Satz für Satz erklärt

Das Vaterunser kann man auswendig kennen und trotzdem an einzelnen Sätzen hängenbleiben. „Geheiligt werde dein Name“ klingt, als müsste Gott erst heilig gemacht werden. „Dein Wille geschehe“ kann wie eine Aufforderung wirken, sich mit allem abzufinden. Und bei „Führe uns nicht in Versuchung“ liegt die Frage nahe, ob Gott selbst zum Bösen verleitet.

Jesus lehrt mit diesem Gebet, Gott als Vater anzusprechen, um sein Handeln zu bitten und ihm den Alltag mit Hunger, Schuld und Gefahren anzuvertrauen. Die einzelnen Bitten lassen sich genauer verstehen, wenn ihre Bilder und ihr Zusammenhang erklärt werden.

Wo steht das Vaterunser in der Bibel?

Die längere Fassung steht im Matthäusevangelium innerhalb einer großen Rede Jesu, der Bergpredigt (Matthäus 6,9–13). Jesus hat unmittelbar zuvor davor gewarnt, mit dem Beten andere zu beeindrucken oder durch viele Worte etwas erzwingen zu wollen.

Lukas 11,2–4 enthält eine kürzere Fassung. Dort geht die Bitte eines Jüngers voraus: Jesus soll sie beten lehren. Anschließend spricht Jesus über beharrliches Bitten und das Vertrauen auf den Vater.

Die folgende Erklärung orientiert sich an der vertrauten längeren Gebetsform. Unterschiede zwischen den Fassungen werden dort genannt, wo sie für das Verständnis wichtig sind.

„Unser Vater im Himmel“

„Vater“ ist eine Anrede der Nähe und des Vertrauens. „Im Himmel“ erinnert zugleich daran, dass Gott über dem menschlichen Leben steht. Die Jünger dürfen sich ihm anvertrauen, können aber nicht über ihn bestimmen.

„Unser“ stellt den einzelnen Beter neben andere Menschen. Auch die folgenden Bitten heißen „uns“ und „unser“. Wer so betet, bittet auch für andere: um das, was ihnen zum Leben fehlt, und um Vergebung ihrer Schuld.

„Geheiligt werde dein Name“

„Heiligen“ klingt, als würden die Betenden Gott etwas geben, das ihm noch fehlt. Gemeint ist, dass er als der heilige Gott erkennbar und anerkannt wird. Sein Name soll so behandelt werden, wie es ihm entspricht.

Sein Name steht dabei für ihn selbst und dafür, wie er bekannt ist. Im Buch des Propheten Hesekiel verspricht Gott, sein Volk von Unrecht zu reinigen und ihm eine neue Haltung zu geben. Dadurch soll unter den Völkern erkennbar werden, wer er ist. So „heiligt“ er seinen Namen (Hesekiel 36,22–28). Die Bitte umfasst daher Gottes Handeln und die Art, wie Menschen seinen Namen vertreten.

Heuchelei oder Unrecht werden nicht dadurch heilig, dass sie im Namen Gottes geschehen.

„Dein Reich komme“

„Reich“ lässt an ein Land mit Grenzen denken. Diese Bitte richtet sich darauf, dass Gott seine Herrschaft wirksam werden lässt: Er möge Menschen retten, Unrecht überwinden und seinen Willen durchsetzen.

Wenn Jesus Menschen von bösen Geistern befreit, bezeichnet er das als Zeichen, dass Gottes Reich bereits zu ihnen gekommen ist (Lukas 11,20). Zugleich sind Tod und Böses noch nicht endgültig beseitigt. Die Bitte betrifft deshalb Gottes Handeln heute und seine künftige Vollendung.

Sie geht über das Wachstum einer Kirche oder den Erfolg eines politischen Programms hinaus.

„Dein Wille geschehe, wie im Himmel, so auf Erden“

Der Satz kann nach „Es kommt eben, wie es kommt“ klingen. Gebetet wird aber darum, dass Gottes guter Wille auf der Erde geschieht und befolgt wird. Damit wird nicht jedes Unrecht, das tatsächlich geschieht, für gut erklärt.

In der Nacht vor seiner Verhaftung betet Jesus an einem Ort namens Gethsemane. Er bittet darum, dass ihm das bevorstehende Leiden erspart bleibt, und überlässt den Ausgang zugleich dem Willen des Vaters (Matthäus 26,39). Jesus zeigt damit: Man kann Gott vertrauen und ihn zugleich bitten, dass etwas anders kommt.

Dieser Satz gehört zur Matthäusfassung; in der kürzeren Lukasfassung, die bei der Auswertung alter Handschriften meist als ursprünglicher gilt, fehlt er.

„Unser tägliches Brot gib uns heute“

Gebet schließt leibliche Bedürfnisse ein. Brot steht hier zunächst für die Nahrung, die Menschen zum Leben brauchen.

Das griechische Wort epiousios ist selten und nicht eindeutig zu übersetzen. Möglich sind unter anderem das für den Tag nötige Brot und das Brot für den kommenden Tag. „Täglich“ ist eine vertraute, aber nicht die einzig mögliche Wiedergabe.

Lukas ergänzt „Tag für Tag“ und erzählt anschließend von jemandem, der nachts um Brot bittet. Das spricht stark für den tatsächlichen Lebensunterhalt. Schon früh bezogen Christen das Brot zusätzlich auf geistliche Nahrung oder auf die Eucharistie, das christliche Mahl mit Brot und Wein. Solche Deutungen sollten die Bitte um den tatsächlichen Lebensunterhalt aber nicht verdrängen.

Auch hier heißt es „unser“ Brot. Die Bitte lässt sich schwer mit Gleichgültigkeit gegenüber dem Hunger anderer verbinden.

„Vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern“

Matthäus spricht wörtlich von Schulden; Lukas nennt Sünden. Das Gebet verwendet also das Bild einer offenen Schuld, die erlassen werden soll.

Die eigene Vergebung verdient Gottes Gnade nicht. Jesus trennt beides aber auch nicht: Direkt nach dem Vaterunser verschärft Matthäus 6,14–15 die Aussage, indem er Gottes Vergebung und menschliche Vergebungsbereitschaft verbindet.

Wer selbst um Gnade bittet, soll sie anderen nicht grundsätzlich verweigern. Daraus folgt keine Pflicht, Unrecht zu leugnen oder zerstörtes Vertrauen sofort wiederherzustellen. Vergebung, Versöhnung und Schutz bleiben zu unterscheiden.

„Und führe uns nicht in Versuchung“

„Versuchung“ kann im Alltag eine verlockende Kleinigkeit meinen. Hier geht es um eine Lage, in der das Vertrauen auf Gott und das richtige Handeln gefährdet sind. Das griechische peirasmos kann sowohl Prüfung als auch Versuchung bezeichnen. Die Bitte lautet, nicht in eine solche Lage hineingeführt zu werden.

Im Jakobusbrief wird diese Frage ausdrücklich behandelt: Niemand solle bei einer Versuchung behaupten, Gott verleite ihn zum Bösen (Jakobus 1,13). Die Bitte wird deshalb als Bitte um Bewahrung verstanden: Gott möge uns nicht einer Prüfung überlassen, in der wir vom Glauben abfallen.

„Lass uns nicht in Versuchung geraten“ macht diese Auslegung verständlich, ist aber eine erklärende Wiedergabe und keine ganz wörtliche Übersetzung. Auch eine letzte schwere Glaubensprüfung am Ende der Zeit kann dabei anklingen.

Jesu Aufforderung in Gethsemane bietet einen nahen Zusammenhang: Die Jünger sollen wachen und beten, damit sie nicht in Versuchung kommen (Matthäus 26,41).

„Sondern erlöse uns von dem Bösen“

Die griechische Form kann „das Böse“ oder „den Bösen“ als Person meinen. Der übrige Sprachgebrauch des Matthäusevangeliums macht den Bezug auf Satan, den Widersacher Gottes, wahrscheinlich. Die allgemeinere Übersetzung bleibt möglich.

Die Bitte richtet sich auf Rettung aus der Macht des Bösen. Sie verspricht nicht, dass Betende keinerlei Leid erfahren. Sie bittet darum, ihm nicht ausgeliefert zu bleiben.

In der kürzeren Lukasfassung fehlt diese letzte Bitte.

„Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit. Amen“

Vor dem Buchdruck wurden die biblischen Texte von Hand abgeschrieben. In frühen, für den Textvergleich besonders wichtigen Handschriften des Matthäusevangeliums fehlt dieser vertraute Schluss. Er gehört deshalb sehr wahrscheinlich nicht zum ursprünglichen Wortlaut dieses Evangeliums.

Ein ähnlicher Lobpreis findet sich bereits in einer frühen christlichen Lehrschrift, der Didache, Kapitel 8. Der Schluss ist eine sehr alte gottesdienstliche Form, mit der Christen das Gebet abschließen.

Warum Matthäus, Lukas und spätere Gebetsformen nicht in jedem Wort übereinstimmen, muss beim Vergleich erklärt werden. Es beseitigt nicht die erkennbare gemeinsame Richtung: Vertrauen zum Vater, Bitte um sein Handeln und das eigene Leben vor ihm.

Die beiden biblischen Fassungen und ihre Varianten kannst du in der Gegenüberstellung von Matthäus 6 und Lukas 11 nachlesen.

Die Antwort auf die Ausgangsfrage

Das Vaterunser vertraut Gott die Welt und den eigenen Alltag an

Mit dem Vaterunser bitten Menschen Gott als ihren Vater: Lass erkennbar werden, wer du bist; setze deine gute Herrschaft und deinen Willen durch; gib uns das Nötige zum Leben; vergib unsere Schuld und hilf uns, anderen zu vergeben; bewahre uns davor, dem Bösen zu erliegen. Das Gebet verbindet Vertrauen mit konkreten Bitten. Es erklärt weder jedes Geschehen für Gottes guten Willen noch verspricht es ein Leben ohne Not.