PHANEIA

Biblischer Begriff

Warum nennt Jesus sich Menschensohn?

„Sohn Gottes“ klingt nach göttlicher Herkunft, „Menschensohn“ nach einem gewöhnlichen Menschen. Als einfache Aufteilung funktionieren diese beiden Bezeichnungen bei Jesus jedoch nicht. Gerade als „Menschensohn“ spricht er auch davon, Sünden zu vergeben und einmal über Menschen zu richten.

Der Ausdruck kann Jesu menschliche Lebenslage beschreiben. Manche seiner Aussagen greifen zugleich ein altes biblisches Bild auf: Eine Gestalt, die wie ein Mensch aussieht, erhält von Gott Herrschaft über alle Völker. Diese Szene steht im Buch Daniel und hilft zu verstehen, warum Jesus sich Menschensohn nennt.

Bedeutet Menschensohn einfach „Mensch“?

Im Alten Testament kann der Ausdruck einen sterblichen Menschen bezeichnen. So redet Gott den Propheten Ezechiel immer wieder als ben adam an, übersetzt „Menschensohn“. So wird daran erinnert, dass er Gott als sterblicher Mensch gegenübersteht.

Auch bei Jesus kann seine menschliche Lage im Vordergrund stehen. In Matthäus 8,20 hat der Menschensohn keinen Ort, an dem er seinen Kopf ablegen kann. Das Wort passt hier zu seinem Leben ohne sichere Unterkunft.

An anderen Stellen vergibt der Menschensohn Sünden, beansprucht Autorität über den Sabbat – den wöchentlichen jüdischen Ruhetag – oder kommt mit den Wolken zum Gericht. Die Bedeutung „gewöhnlicher Mensch“ reicht dafür nicht aus.

Was steht in Daniel 7?

Das Buch Daniel erzählt von einer Vision, einem bildhaften Schauen. Daniel sieht darin gewaltsame Reiche in Gestalt von Tieren. Danach erscheint jemand „wie ein Menschensohn“ vor Gott und erhält Herrschaft über alle Völker (Daniel 7,13–14).

Im weiteren Verlauf wird die Herrschaft auch den „Heiligen des Höchsten“ zugesprochen, also den Menschen, die zu Gott gehören. Die Vision verbindet sie mit der menschenähnlichen Gestalt. Deshalb wird diskutiert, ob sie das Gottesvolk selbst darstellt, eine himmlische Gestalt oder einen einzelnen Repräsentanten des Volkes.

Die Evangelien beziehen das Bild auf Jesus. Besonders deutlich wird das beim Verhör Jesu vor dem jüdischen Hohen Rat. Jesus spricht dort vom Menschensohn zur Rechten der Macht und vom Kommen mit den Wolken (Markus 14,62). Die rechte Seite bezeichnet einen Ehrenplatz bei Gott. Der gerade Verurteilte beansprucht, von Gott bestätigt und mit Herrschaft ausgestattet zu werden.

Warum muss der Menschensohn leiden?

Petrus, einer der engsten Begleiter Jesu, nennt ihn den Christus. Dieser Titel entspricht „Messias“ und bezeichnet den von Gott gesalbten Retter. Als Jesus daraufhin ankündigt, er werde abgelehnt und getötet werden und auferstehen, widerspricht Petrus ihm (Markus 8,27–33).

Die Erzählung zeigt, dass der richtige Titel noch kein richtiges Verständnis garantiert. Jesu Weg entspricht nicht der Erwartung eines unangefochten siegreichen Messias.

In Markus 10,45 erklärt Jesus, der Menschensohn sei gekommen, um zu dienen und sein Leben als Lösegeld für viele zu geben. Jesus beschreibt seinen Tod hier als Hingabe für andere. Das erinnert stark an Jesaja 53: Dort leidet ein als Gottes Knecht bezeichneter Mensch für die Schuld anderer. Die Vision in Daniel 7 allein erzählt dagegen nicht von einem solchen Tod der menschenähnlichen Gestalt.

Das Wort „Lösegeld“ spricht von Befreiung durch Jesu Lebenshingabe. Es legt für sich genommen nicht fest, an wen ein Preis gezahlt würde.

Ist Menschensohn das Gegenteil von Sohn Gottes?

Die beiden Bezeichnungen schließen sich in den Evangelien nicht aus. Gerade als „Menschensohn“ beansprucht Jesus Dinge, die weit über einen gewöhnlichen Menschen hinausreichen: Vollmacht zur Sündenvergebung, universale Herrschaft und Gericht.

Die christliche Auslegung verbindet daher Jesu wirkliche Menschlichkeit mit seiner einzigartigen Stellung gegenüber Gott. Je nach Stelle beschreibt Jesus damit sein menschliches Leben oder seinen Anspruch auf Herrschaft.

Wo muss die Auslegung offenbleiben?

Nicht jeder Gebrauch von „Menschensohn“ ist sicher ein direkter Verweis auf Daniel 7. Bei Aussagen über Armut und Verwerfung kann die allgemeine menschliche Bedeutung stärker hervortreten.

Auch Johannes 5,27 ist umstritten. Jesus erhält Gerichtsvollmacht, weil er Menschensohn ist. Einige Ausleger hören darin seine Menschlichkeit, andere besonders die Daniel-7-Gestalt. Die griechische Form ohne Artikel entscheidet die Frage nicht allein; der Zusammenhang mit verliehener Gerichtsvollmacht spricht stark für Daniel 7.

Die Evangelien entfalten mit dieser Bezeichnung Jesu Weg durch Niedrigkeit und Leiden zur Herrschaft. Daraus lässt sich eine erzählerische Absicht erkennen. Warum Jesus den Ausdruck in jedem einzelnen Gespräch wählte, ist damit nicht vollständig erklärt.

Die Antwort auf die Ausgangsfrage

Mit „Menschensohn“ spricht Jesus von seinem eigenen Weg

Jesus nennt sich Menschensohn, wenn er von seinem menschlichen Leben, seinem Leiden und seiner künftigen Herrschaft spricht. Bei Aussagen über das Kommen mit den Wolken greift er besonders das Bild aus Daniel 7 auf: Gott gibt einer menschenähnlichen Gestalt Herrschaft. Der Titel bedeutet bei Jesus deshalb mehr als „nur ein Mensch“. Die Evangelien verbinden damit den, der jetzt dient und leidet, mit dem, den Gott bestätigt und zum Richter einsetzt.