Frage an den Bibeltext
Warum verbietet Jesus manchmal, von seinen Wundern zu erzählen?
Wenn Jesus Menschen heilt, wäre es naheliegend, die gute Nachricht möglichst weit zu verbreiten. Umso merkwürdiger wirken seine Verbote, davon zu erzählen. An anderen Stellen fordert er einen Geheilten sogar ausdrücklich zum Weitererzählen auf.
Im Markusevangelium, einem der vier biblischen Berichte über Jesus, sind das unterschiedliche Situationen. Mehr Bekanntheit hilft seinem Wirken nicht immer. Manche Schweigegebote haben außerdem damit zu tun, dass die Menschen seine Aufgabe erst nach seinem Tod und seiner Auferstehung verstehen sollen. Ein einziger Grund erklärt aber nicht jede Szene.
Warum soll der befreite Mann erzählen?
Markus erzählt von einem Mann, der von bösen Geistern gequält wird und außerhalb der bewohnten Orte unter Gräbern lebt. Jesus befreit ihn davon. Die Geschichte spielt im Gebiet der Gerasener auf der anderen Seite des Sees Gennesaret (Markus 5). Als Jesus die Region verlässt, möchte der Mann bei ihm bleiben.
Jesus schickt ihn stattdessen zu seinen Angehörigen: Er soll berichten, was der Herr für ihn getan und wie er sich seiner erbarmt hat. Der Mann erzählt daraufhin in der umliegenden Region, die Dekapolis genannt wird, von Jesu Handeln (Markus 5,19–20).
So bleibt jemand zurück, der von Jesu Hilfe erzählen kann. Jesus geht fort, der befreite Mann bleibt. Sein Auftrag betrifft zunächst die erfahrene Hilfe und Barmherzigkeit.
Warum sollen die Zeugen der Auferweckung schweigen?
Wenig später erzählt Markus von Jairus, einem Vorsteher einer Synagoge. Er hat Jesus um Hilfe für seine Tochter gebeten; inzwischen ist sie gestorben. Jesus nimmt die Eltern und drei seiner Begleiter mit in das Haus und ruft das Mädchen ins Leben zurück. Danach schärft er ihnen ein, niemand solle davon erfahren (Markus 5,43).
Der Text nennt keinen Grund. Außerdem bleibt eine Schwierigkeit: Der Tod des Mädchens war bekannt, und ihr weiteres Leben konnte kaum dauerhaft verborgen bleiben.
Eine plausible Erklärung lautet, dass die Anwesenden das Geschehen nicht sofort öffentlich verbreiten sollten. Dazu passen der begrenzte Kreis der Zeugen und Jesu anschließende Anweisung, dem Kind zu essen zu geben. Die Versorgung des Mädchens steht im Vordergrund.
Dass Jesus damit gezielt Sensationslust verhindern wollte, ist aber eine Auslegung. Markus sagt es an dieser Stelle nicht ausdrücklich.
Konnte zu viel Öffentlichkeit Jesu Wirken behindern?
Markus 1,45 zeigt eine solche Folge direkt. Ein Geheilter erzählt trotz eines Schweigegebots überall von dem Geschehen. Danach kann Jesus nicht mehr öffentlich in eine Stadt gehen.
Große Aufmerksamkeit ist bei Markus also nicht automatisch hilfreich. Sie kann seine Bewegungsfreiheit einschränken. Dieses Beispiel erklärt, warum praktische Zurückhaltung an anderen Stellen sinnvoll sein kann; es beweist nicht, dass jedes Schweigegebot denselben Grund hat.
Manchmal wird vermutet, die Anweisung hänge nur davon ab, ob Jesus unter Juden oder unter Angehörigen anderer Völker wirkt. Dafür wurde früher oft die Bezeichnung „Heiden“ verwendet. Diese einfache Aufteilung reicht nicht aus. In Markus 7,31–36 gebietet Jesus auch in der Dekapolis nach einer Heilung Schweigen.
Was bedeutet „Messiasgeheimnis“?
„Messias“ heißt der von Gott gesalbte Retter; „Christus“ ist die entsprechende griechische Bezeichnung. Der Ausdruck „Messiasgeheimnis“ fasst verschiedene Beobachtungen im Markusevangelium zusammen: Jesus bringt böse Geister zum Schweigen, verbietet das Weitererzählen bestimmter Wunder und untersagt seinen Jüngern zunächst, ihn öffentlich als Messias bekannt zu machen.
Den deutlichsten Zusammenhang zeigt Markus 8. Petrus, einer der engsten Begleiter Jesu, bezeichnet ihn als Christus. Direkt danach kündigt Jesus an, er werde leiden und getötet werden. Petrus widerspricht: Dieser Weg passt nicht zu seiner Erwartung an Jesus.
Damit wird sichtbar: Petrus kennt den richtigen Titel, versteht aber Jesu Weg noch nicht. Eine Verkündigung des Messias ohne diesen Leidensweg würde ein falsches Bild weitergeben.
In einer weiteren Szene sehen drei Jünger Jesus auf einem Berg in strahlender Gestalt. Dieses Ereignis wird Verklärung genannt. Danach sagt Jesus ihnen ausdrücklich, wann sie davon erzählen sollen: erst wenn er, der sich selbst Menschensohn nennt, von den Toten auferstanden ist (Markus 9,9 im griechischen Zusammenhang).
Hat Markus das Schweigen nachträglich erfunden?
Der Bibelforscher William Wrede schlug vor, die Schweigegebote als spätere Gestaltung des Evangelisten Markus zu verstehen. Markus habe damit erklären wollen, weshalb Jesus zu Lebzeiten nicht allgemein als Messias erkannt worden sei. Diese Deutung fragt also nach der Entstehung des Evangeliums und seiner Erzählabsicht.
Diese Deutung nimmt die literarische Gestaltung und schwer erklärbare Gebote ernst. Als einzige Erklärung greift sie jedoch zu kurz. Markus erzählt selbst von öffentlichem Wirken, übertretenen Schweigegeboten und ausdrücklich beauftragten Zeugen. Der Neutestamentler J. D. G. Dunn hat deshalb darauf hingewiesen, dass mehrere unterschiedliche Gründe berücksichtigt werden müssen.
Welche dieser Gründe zutreffen, muss für jede Szene geprüft werden. Bei Markus 5,43 bleibt einiges offen. Für die Worte an die Jünger in Markus 8–9 ist dagegen deutlich: Kreuz und Auferstehung gehören dazu, wenn sie sagen wollen, wer Jesus ist.
Die Antwort auf die Ausgangsfrage
Jesu Schweigegebote haben je nach Situation verschiedene Gründe
Jesus will nach Markus nicht jede Nachricht sofort und überall verbreiten lassen. Einmal behindert der Andrang sein Wirken; seinen Jüngern verbietet er das Erzählen einer besonderen Erscheinung ausdrücklich bis nach seiner Auferstehung. Wer ihn bekannt macht, soll auch seinen Weg durch Leiden und Tod verstehen. Bei anderen Verboten bleibt der genaue Anlass offen. Öffentlichkeit soll Jesu Auftrag dienen. Warum er Schweigen gebietet, muss aber für jede Szene einzeln geprüft werden; ein gemeinsamer Grund ist nicht belegt.