Biblischer Begriff
Was bedeuten rein und unrein in der Bibel?
„Unrein“ klingt nach Schmutz oder nach etwas moralisch Anstößigem. In vielen biblischen Vorschriften ist damit zunächst ein anderer Zustand gemeint: Ein Mensch darf vorübergehend nicht am Gottesdienst im Heiligtum teilnehmen oder bestimmte heilige Dinge berühren. Das Heiligtum ist der Ort, an dem das Volk Gottes besondere Gegenwart erfährt. Auch eine Geburt oder die Berührung eines Toten konnte diesen Zustand auslösen.
Die betroffene Person hatte damit nicht automatisch etwas Böses getan. Für solche Stellen muss man religiöse Reinheit, körperliche Sauberkeit und persönliche Schuld auseinanderhalten. Andere Bibeltexte verwenden Reinheitssprache tatsächlich für das menschliche Handeln.
Warum konnte ein Mensch ohne Schuld unrein werden?
Das dritte Mosebuch enthält Regeln für Israels Gottesdienst und Alltag. Dazu kommen Vorschriften über die Berührung eines Toten im vierten Mosebuch. Geburt, Menstruation, Samenerguss oder Totenkontakt können danach eine Unreinheit auslösen, die den Gottesdienst betrifft. Dafür wird der Ausdruck „kultische Unreinheit“ verwendet. Solche Zustände konnten vorübergehend den Zugang zum Heiligtum oder zu heiligen Dingen begrenzen.
Eine Geburt oder die notwendige Versorgung eines Verstorbenen ist deshalb nicht schon als moralisch falsch beurteilt. Die Vorschriften regeln den Umgang mit Gottes Heiligtum. Je nach Fall wird ein Mensch durch das Verstreichen einer bestimmten Zeit, durch Waschungen oder Opfer wieder rein; in manchen Fällen muss ein Priester die Reinheit feststellen (3. Mose 12; 3. Mose 15; 4. Mose 19).
Auch die Bezeichnung „Sündopfer“ beweist in solchen Zusammenhängen nicht, dass der Körpervorgang persönliche Schuld war. Es dient dort der Reinigung und der Wiederherstellung des geregelten Zugangs zu Gott. Man kann deshalb aus dem deutschen Namen „Sündopfer“ nicht auf eine vorausgegangene böse Tat schließen.
Wann geht es um moralische Unreinheit?
In 3. Mose 18 verunreinigt verbotenes Handeln die Menschen und das Land. Hier geht es um Verantwortung für Unrecht.
Die Unterscheidung hilft beim Lesen: Ein kultischer Zustand kann ohne Sünde entstehen. Moralische Schuld betrifft dagegen das Handeln eines Menschen und verlangt Umkehr und Vergebung. Reinheit und Schuld können deshalb in einem Text zusammenhängen, bedeuten aber nicht überall dasselbe.
Waren die Reinheitsgebote eigentlich Hygienevorschriften?
Waschen und Absonderung konnten gesundheitlich nützlich sein. Die Texte begründen das System jedoch mit Gottes Heiligkeit und dem Schutz seines Heiligtums.
Der häufig als „Aussatz“ übersetzte Ausdruck zara’at betrifft in 3. Mose 13–14 auch Kleidung und Häuser. Er entspricht deshalb nicht einfach einer einzigen heutigen medizinischen Diagnose. Ebenso lassen sich Opfer und priesterliche Reinheitserklärungen nicht allein als Gesundheitsmaßnahmen verstehen.
Wer Krankheit oder Menstruation als persönliche Schuld vor Gott behandelt, setzt Dinge gleich, die die Texte selbst unterscheiden.
Was verändert sich durch Jesus?
Jesus berührt Kranke und heilt sie. In Markus 1,40–45 schickt er einen Geheilten anschließend zum Priester und verlangt das von Mose vorgesehene Opfer. Er behandelt das Gesetz also nicht einfach als bedeutungslos.
Markus 7 erzählt von einem Streit darüber, dass Jesu Jünger vor dem Essen eine überlieferte Waschung der Hände unterlassen. Jesus spricht daraufhin davon, was einen Menschen wirklich verunreinigt: Mord, Habgier und anderes Böse kommen aus seinem Inneren. Mit dem „Herzen“ sind dabei seine Absichten und Entscheidungen gemeint.
Markus 7,19 wird häufig als erklärender Zusatz verstanden: Damit habe Jesus alle Speisen für rein erklärt. Eine andere Lesart bezieht die griechische Wendung auf die Verdauung. Der Ausgangsstreit handelt tatsächlich vom Händewaschen. Unabhängig von dieser Auslegungsfrage ist Jesu Aussage über die schuldhafte Verunreinigung aus dem Herzen deutlich.
Müssen Christen die Speisegebote halten?
Die große Mehrheit christlicher Kirchen lehrt, dass Christen die Speisevorschriften der Mosebücher nicht einhalten müssen, um Zugang zu Gott zu haben.
Häufig wird dafür eine Geschichte über Petrus angeführt. In einer Vision sieht er Tiere, die nach dem Gesetz nicht gegessen werden sollen, und erhält den Auftrag zu essen. Er versteht die Vision anschließend als Hinweis, Menschen aus anderen Völkern nicht unrein zu nennen (Apostelgeschichte 10). Die Geschichte handelt daher ausdrücklich auch von der Aufnahme solcher Menschen.
Für die christliche Haltung zu Speisen sind weitere Texte wichtig: Eine Beratung der frühen Gemeinde regelt, welche Anforderungen für Christen aus anderen Völkern gelten (Apostelgeschichte 15). Römer 14 und 1. Timotheus 4 sprechen direkt über den Umgang mit Nahrung. Der Hebräerbrief beschreibt zudem, wie Christus Menschen von Schuld reinigt (Hebräer 9).
Eine Minderheitsposition, etwa bei Siebenten-Tags-Adventisten, hält an der Unterscheidung reiner und unreiner Tiere als Gesundheitsordnung fest. Sie verweist auf den engeren Zusammenhang von Markus 7 und Apostelgeschichte 10. Als allgemeine Pflicht für Christen erklärt diese Lesart die übrigen genannten Texte weniger gut.
Kirchliche Fastenregeln sind davon zu unterscheiden. Sie können Verzicht einüben, ohne bestimmte Nahrung für an sich verunreinigend zu erklären.
Die Antwort auf die Ausgangsfrage
Unrein bedeutet nicht automatisch schmutzig oder schuldig
In vielen Vorschriften der Mosebücher bezeichnen „rein“ und „unrein“, ob jemand oder etwas für den Umgang mit Gottes Heiligtum geeignet ist. Unreinheit konnte auch durch normale Körpervorgänge oder die Versorgung eines Toten entstehen; sie war dann keine persönliche Sünde. Andere Texte meinen tatsächlich Unrecht im Handeln. Die meisten christlichen Kirchen verlangen die alten Reinheits- und Speisevorschriften nicht als Voraussetzung für den Zugang zu Gott.