Frage an den Bibeltext
Warum konnte Jesus in Nazareth keine Wunder tun?
Wenn Jesus Kranke heilen kann, müsste er das dann nicht überall können? Umso auffälliger ist eine Erzählung über Nazareth, den Ort, in dem er aufgewachsen ist. Dort kennen die Menschen ihn und seine Familie – und lehnen seinen Anspruch ab. Markus berichtet, Jesus habe dort keine Machttat tun können. Einige Kranke heilt er dennoch.
Das passt nicht zu der Vorstellung, Wunder seien eine Fähigkeit, die unabhängig von jeder Begegnung immer gleich eingesetzt wird. Die Erzählung verbindet die Begrenzung mit der Ablehnung Jesu. Wie genau diese sein Wirken begrenzt, erklärt sie nicht.
Was steht in Markus 6,5 tatsächlich?
Auch im griechischen Wortlaut von Markus 6,5 steht deutlich: ouk edynato, „er konnte nicht“. Wer daraus einfach „Er wollte nicht“ macht, hat bereits eine Erklärung eingesetzt, die so nicht dasteht.
Das folgende dynamis bezeichnet hier eine Machttat, also ein Wunder. Markus schreibt nicht ausdrücklich, Jesus habe keine Macht mehr besessen. Er beschreibt, was Jesus in dieser Begegnung nicht tun konnte (Markus 6 im griechischen Text).
Diese Unterscheidung löst noch nicht die ganze Schwierigkeit. Sie verhindert aber, aus dem Satz mehr herauszulesen, als dort steht.
Wie passen die wenigen Heilungen dazu?
Markus nennt selbst die Ausnahme: Jesus heilte einige Kranke durch Handauflegen.
Markus beschreibt also einen Ort, an dem nur wenige Wunder geschahen. Er erzählt zugleich von wirklichen Heilungen. Die Einwohner konnten Jesu Wirken nicht vollständig verhindern.
Ob gerade die Geheilten Glauben hatten, sagt der Text nicht. Diese Erklärung ist möglich, darf aber nicht als erzählte Tatsache behandelt werden.
Was lehnen die Einwohner ab?
Zu Beginn der Erzählung lehrt Jesus in Nazareths Synagoge, dem jüdischen Versammlungshaus. Die Zuhörer staunen über seine Weisheit und fragen nach seinen Wundern. Dann verweisen sie auf das, was sie über ihn wissen: Er ist der Zimmermann, sie kennen seine Mutter und seine Familie. Sie nehmen Anstoß daran, dass gerade er mit diesem Anspruch auftritt.
Jesus antwortet mit dem Wort vom Propheten, der in seiner Heimat ohne Ehre bleibt. Nach den wenigen Heilungen berichtet Markus, dass er sich über ihren Unglauben wundert.
Es geht also um die Zurückweisung seiner Person und seines Anspruchs. Der Abschnitt beschreibt keinen neutralen Zweifel an einer unbekannten Behauptung.
Erzählt Matthäus etwas anderes?
Auch das Matthäusevangelium erzählt von Jesu Besuch in seiner Heimat. Dort heißt es, er habe wegen ihres Unglaubens nicht viele Machttaten getan (Matthäus 13,58).
Das Ergebnis entspricht Markus: Dort geschahen nur wenige Wunder. Matthäus formuliert allerdings „tat nicht“ statt „konnte nicht“ und benennt den Unglauben ausdrücklich als Ursache.
Es ist möglich, dass Matthäus die schärfere Formulierung bewusst abmildert. Sein genaues Motiv lässt sich aus dem Vergleich allein nicht sicher beweisen.
Braucht Jesus den Glauben anderer, um heilen zu können?
Die Erzählungen vor und nach diesem Besuch sprechen gegen die Vorstellung, menschlicher Glaube erzeuge Jesu Kraft. Vor dem Besuch in Nazareth heilt Jesus eine Frau und ruft ein gestorbenes Mädchen ins Leben zurück (Markus 5). Danach beauftragt er seine zwölf engsten Begleiter, selbst in seinem Namen zu wirken; später heilt er in der Gegend von Gennesaret viele Kranke (Markus 6).
Das „konnte nicht“ muss bei der Auslegung dennoch sein Gewicht behalten: Die fehlende Aufnahmebereitschaft begrenzt sein Wunderwirken in dieser Begegnung tatsächlich. Die wenigen Heilungen widerlegen eine solche begrenzte Wirkung des Unglaubens nicht.
Eine verbreitete christliche Erklärung fragt nach Jesu Aufgabe: Seine Wunder sollen Gottes Herrschaft sichtbar machen und Menschen zum Vertrauen auf ihn einladen. Wo er entschieden verworfen wird, erzwingt er Anerkennung nicht durch immer größere Wunder. So argumentieren mit unterschiedlichen Akzenten etwa der frühchristliche Prediger Chrysostomus und der Reformator Calvin.
Diese Deutung passt gut zum Erzählzusammenhang. Markus selbst erklärt aber nicht, wie der Unglaube Jesu Handeln begrenzt.
Bedeutet eine ausbleibende Heilung zu wenig Glauben?
Aus der Nazareth-Erzählung lässt sich keine allgemeine Diagnose für kranke Menschen ableiten. Der Abschnitt handelt von einer konkreten Ablehnung Jesu durch seine Heimat.
Paulus, ein früher Verkündiger Jesu, berichtet etwa von einer eigenen Belastung, die er einen „Dorn“ nennt. Er bittet Gott mehrfach, sie ihm abzunehmen, erhält aber die Zusage von Hilfe im Weitertragen dieser Last (2. Korinther 12,7–10). Sein Vertrauen auf Gott führt also nicht dazu, dass jede Not verschwindet. Wer jede ausbleibende Heilung dem Glauben des Betroffenen anlastet, geht deshalb über diese Texte hinaus.
Die Antwort auf die Ausgangsfrage
In Nazareth begrenzt die Ablehnung Jesu sein Wunderwirken
Markus verbindet Jesu eingeschränktes Wirken mit der Ablehnung durch die Menschen seiner Heimat; Matthäus nennt ihren Unglauben ausdrücklich als Grund für die wenigen Wunder. Ganz ohne Heilungen bleibt der Besuch jedoch nicht. Die naheliegende Erklärung ist, dass Jesu Wunder zu seiner Begegnung mit Menschen gehören und Vertrauen nicht erzwingen. Wie genau das „konnte nicht“ funktioniert, sagt Markus nicht. Daraus folgt keine allgemeine Regel, kranke Menschen würden wegen mangelnden Glaubens nicht gesund.