PHANEIA

Biblischer Begriff

Was meint Johannes mit „Im Anfang war das Wort“?

Ein Wort ist im Alltag etwas, das wir sagen oder schreiben. Der Satz „Im Anfang war das Wort“ scheint deshalb von Sprache oder einem Gedanken zu handeln. Im Johannesevangelium wird über dieses „Wort“ jedoch gesagt, dass alles durch es geschaffen wurde und dass es später Mensch wurde.

Johannes führt damit Jesus ein: In ihm kommt Gottes schöpferisches Handeln zu den Menschen. Das griechische Wort dafür lautet „Logos“. Warum Johannes gerade diese Bezeichnung verwendet, wird verständlicher, wenn man seine ersten Sätze zusammen liest.

Warum nennt Johannes Jesus „das Wort“?

Logos kann im Griechischen unter anderem Wort, Aussage oder Botschaft bedeuten. Was Johannes damit meint, zeigen seine Sätze über den Logos.

Das erste Buch der Bibel beginnt mit der Schöpfung: Gott spricht, und es wird Licht (1. Mose 1). Daran erinnert der Beginn des Johannesevangeliums. Auch dort ist von Anfang, Leben und Licht die Rede. Johannes erklärt aber zusätzlich: Alles Geschaffene entstand durch das Wort. Das Wort selbst war bereits da, als die Schöpfung begann.

Der griechische Text von Johannes 1 unterscheidet dabei zwischen dem Wort, das „war“, und den Dingen, die „wurden“. Der Logos wird auf die Seite dessen gestellt, durch den die Welt entsteht.

Wie kann das Wort bei Gott sein und zugleich Gott sein?

Johannes 1,1 hält beide Aussagen nebeneinander: Das Wort war bei Gott, und das Wort war Gott.

Die erste Aussage unterscheidet den Logos von dem, bei dem er ist. Die zweite spricht ihm Gottheit zu. Der Logos wird deshalb weder einfach mit dem Vater gleichgesetzt noch als gewöhnliches Geschöpf beschrieben.

Manche Übersetzungen geben den zweiten Teil mit „das Wort war ein Gott“ wieder. Als Grund wird angeführt, dass vor dem griechischen Wort für Gott, theos, hier kein bestimmter Artikel steht. In dieser Satzkonstruktion bedeutet das Fehlen des Artikels aber nicht automatisch „ein Gott“. Der Ausdruck sagt etwas darüber aus, was das Wort ist. Wie die Aussage zu verstehen ist, muss auch am übrigen Text geprüft werden.

Der schon bestehende Logos, die Schöpfung durch ihn und die weiteren Aussagen im Johannesevangelium sprechen stark für die Übersetzung „das Wort war Gott“. Die spätere Lehre von der Dreieinigkeit beschreibt Vater, Sohn und Heiligen Geist als den einen Gott. Sie verbindet solche Aussagen über Jesus mit weiteren Bibeltexten. Diese Lehre ergibt sich also nicht allein aus einer griechischen Grammatikregel.

Was bedeutet „Das Wort wurde Fleisch“?

„Fleisch“ bezeichnet hier wirkliche menschliche Existenz. Johannes sagt, dass derselbe Logos, durch den alles entstand, Mensch wurde (Johannes 1,14).

Johannes beschreibt damit die Menschwerdung des Logos. Die Vorstellung, Jesus habe besonders gute Gedanken über Gott gehabt, reicht als Erklärung nicht aus.

Auch die nächste Formulierung greift ein biblisches Bild auf: Der Logos „wohnte“ unter uns; das Verb lässt an das Aufschlagen eines Zeltes denken. Das erinnert an das heilige Zelt, an dem das Volk Israel nach den Mosebüchern Gottes Gegenwart erfuhr. Auch die Erwähnung von Herrlichkeit und Mose in Johannes 1 passt zu diesem Bezug. Johannes beschreibt Jesus als den, in dem Gott sich Menschen zu erkennen gibt.

Kommt die Idee aus der griechischen Philosophie?

Es gibt Berührungspunkte. Der jüdische Denker Philo von Alexandria verwendete bereits den Ausdruck Logos, um Gottes Verhältnis zur Schöpfung zu beschreiben. Das belegt einen gemeinsamen Denk- und Sprachraum, aber keine sichere direkte Abhängigkeit des Johannes.

Besonders nahe liegen die jüdischen Schriften: Gottes Schöpfungswort in Genesis 1, die Weisheit bei Gott in Sprüche 8 und die Verbindung von Wort, Weisheit und Schöpfung in Weisheit 9.

Johannes mit einem einzelnen Philosophen zu erklären, greift deshalb zu kurz. Seine konkrete Aussage über das Fleischwerden des Logos bleibt entscheidend.

Könnte der Logos nur Gottes Plan sein?

Manche Ausleger verstehen das Wort zunächst als Gottes Weisheit oder Plan: Von beidem werde wie von einer Person gesprochen, bevor es in Jesus Gestalt gewinne. Sie verweisen auf Sprüche 8, wo auch die Weisheit wie eine sprechende Person auftritt. Diese Auslegung setzt keine Dreieinigkeit voraus.

Die Auslegung, nach der Johannes schon zu Beginn von Jesus als einem persönlichen Gegenüber Gottes spricht, erklärt die Abfolge seiner Einleitung jedoch besser: Der Logos ist bei Gott, vermittelt die Schöpfung, kommt in seine Welt und wird Mensch.

Alte Handschriften unterscheiden sich außerdem im Wortlaut von Johannes 1,18: „der einzigartige Gott“ oder „der einzigartige Sohn“. Beide Lesarten beschreiben die besondere Beziehung zum Vater und Jesu Aufgabe, ihn bekannt zu machen. Dieser Unterschied im Wortlaut muss bei der Auslegung berücksichtigt werden. Die übrigen Aussagen der Einleitung bleiben dabei bestehen.

Die Antwort auf die Ausgangsfrage

Das „Wort“ ist Jesus, durch den Gott sich zu erkennen gibt

Johannes spricht mit dem „Wort“ von Jesus: Er war bereits vor der Schöpfung bei Gott, durch ihn entstand die Welt, und er wurde wirklich Mensch. Der Ausdruck meint deshalb mehr als einen gesprochenen Satz oder eine gute Idee. In Jesus gibt Gott sich den Menschen zu erkennen. Dass das Wort bei Gott war und zugleich Gott war, bildet eine wichtige Grundlage des christlichen Verständnisses von Jesus als dem göttlichen Sohn.