Frage an den Bibeltext
Wenn Gottes Reich schon da ist, warum gibt es noch Böses?
Wenn jemand einen Feind besiegt hat, erwarten wir, dass die Gefahr vorbei ist. Deshalb ist die christliche Aussage, Jesus habe das Böse besiegt, schwer mit einer Welt voller Gewalt, Leid und Tod zu verbinden. Ähnlich klingt „Gottes Reich ist da“, als müsste seine Herrschaft schon überall ungehindert gelten.
Das Neue Testament beschreibt einen Anfang, dessen Vollendung noch aussteht: In Jesus erfahren Menschen Befreiung und neues Leben; die endgültige Beseitigung von Tod und Bösem wird noch erwartet. Das erklärt, wie die biblischen Aussagen zusammenpassen. Es erklärt noch nicht, warum Gott ein bestimmtes Leiden zulässt.
Woran zeigt sich, dass Gottes Reich schon gekommen ist?
Mit Gottes Reich ist hier Gottes wirksame Herrschaft gemeint. Im Matthäusevangelium wird Jesus vorgeworfen, er befreie Menschen mit der Hilfe des Bösen von bösen Geistern. Jesus widerspricht. Wenn er sie durch Gottes Geist befreie, zeige das vielmehr, dass Gottes Reich zu ihnen gekommen sei (Matthäus 12,28).
Es geht dort um ein gegenwärtiges Handeln. Menschen werden befreit; Gottes Herrschaft ist nicht ausschließlich eine Erwartung für später.
Auch Jesu Tod und Auferstehung werden im Neuen Testament als Sieg beschrieben. Im Kolosserbrief wird sein Tod am Kreuz mit dem Bild verbunden, dass Gott feindliche Mächte entwaffnet hat (Kolosser 2,13–15). Paulus nennt Jesus nach seiner Auferstehung die „Erstlingsfrucht“. Das Bild stammt aus der Ernte: Die ersten Früchte stehen für den Beginn dessen, was noch folgt. So ist Jesu Auferstehung der Anfang der erhofften Auferstehung der Menschen, die zu ihm gehören (1. Korinther 15).
Warum sterben dann weiterhin Menschen?
In der christlichen Gemeinde in Korinth wurde bestritten, dass Tote auferstehen. Paulus antwortet darauf mit einer Abfolge: Christus ist bereits auferstanden. Die Menschen, die zu ihm gehören, werden bei seiner Wiederkunft auferweckt. Am Ende wird auch der Tod als letzter Feind beseitigt (1. Korinther 15,20–28).
Gegenwärtige Herrschaft und noch bestehende Feinde schließen sich in diesem Abschnitt also nicht aus.
Hebräer 2,8–9 formuliert die Spannung ähnlich: Noch ist nicht sichtbar, dass alles unterworfen ist. Jesus aber wird bereits mit Herrlichkeit gekrönt beschrieben.
Auch Glaubende bleiben Teil einer leidenden Schöpfung. Paulus schreibt im Römerbrief, dass sie Gottes Geist bereits empfangen haben, aber noch auf die Befreiung ihres ganzen Lebens von Tod und Vergänglichkeit warten (Römer 8,18–25).
Was heißt „schon jetzt – noch nicht“?
Mit „schon jetzt – noch nicht“ fassen Theologen diese zeitliche Unterscheidung zusammen. Gemeint ist: Gottes rettendes Handeln hat begonnen, seine versprochene Vollendung steht noch aus. Die Formulierung selbst ist kein wörtlicher Bibelsatz.
| Schon jetzt | Noch ausstehend |
|---|---|
| Christus ist auferstanden. | Die Menschen, die zu Christus gehören, werden auferweckt. |
| Vergebung und neues Leben werden geschenkt. | Tod und Vergänglichkeit werden endgültig beseitigt. |
| Gottes Geist ist gegeben. | Auch das körperliche Leben wird von Tod und Vergänglichkeit befreit. |
| Das Böse ist in Christus entscheidend besiegt. | Seine Macht und seine Wirkungen werden vollständig beendet. |
Eine rein zukünftige Deutung des Reiches erklärt Jesu gegenwärtige Taten schlecht. Die Behauptung, alles sei bereits vollendet, passt dagegen nicht zu den Aussagen über Tod, Leiden und kommende Auferstehung. Die Unterscheidung zwischen Anfang und Vollendung erklärt, warum die Texte sowohl von Gottes gegenwärtigem Handeln als auch von seiner noch ausstehenden Verheißung sprechen.
Warum sind böse Mächte noch aktiv?
Der Epheserbrief fordert Christen auch nach Jesu Tod und Auferstehung auf, bösen geistlichen Mächten zu widerstehen (Epheser 6). Im Buch der Offenbarung wird Satan, der Widersacher Gottes, als gestürzter Ankläger beschrieben, der dennoch weiterhin Schaden anrichtet (Offenbarung 12).
„Besiegt“ bedeutet in diesen Texten deshalb noch nicht, dass jede Wirkung des Bösen schon verschwunden wäre. Erst Offenbarung 20–21 schildert sein endgültiges Gericht und eine Welt ohne Tod und Schmerz.
Jesus erzählt außerdem ein Gleichnis von Weizen und Unkraut, die bis zur Ernte nebeneinander wachsen. Erst dann werden sie getrennt. In seiner Erklärung steht die Ernte für Gottes kommendes Gericht (Matthäus 13,24–30.36–43). Das Bild beschreibt eine Zeit des Wartens, erklärt aber nicht den Grund jedes einzelnen Leidens.
Warum lässt Gott diese Zwischenzeit zu?
Nach diesen Texten bleibt Gott Herr der Geschichte. Menschen sind trotzdem für das Unrecht verantwortlich, das sie tun. Jesu Kreuz geschieht nach Apostelgeschichte 2,23 im Rahmen von Gottes Plan; die handelnden Menschen bleiben trotzdem für ihr Unrecht verantwortlich.
Die Geschichte Josefs erzählt von einem Menschen, den seine Brüder schwer geschädigt haben. Später kann er gerade in Ägypten vielen Menschen das Leben retten. Josef sagt seinen Brüdern, sie hätten Böses gegen ihn geplant, Gott habe es aber zum Guten gewendet (1. Mose 50,20). Damit werden die Absichten der Brüder nicht nachträglich gut. Jakobus 1,13 widerspricht ausdrücklich der Behauptung, Gott verführe Menschen zur Sünde.
Christliche Kirchen erklären unterschiedlich, wie Gottes Handeln und die Freiheit des Menschen zusammenpassen. Mit „Vorsehung“ ist gemeint, dass Gott die Welt erhält und ihre Geschichte führt. Strittig ist unter anderem, wie sein Führen vom Zulassen böser menschlicher Entscheidungen unterschieden werden muss. Das reformierte Westminster-Bekenntnis V betont Gottes ordnende Vorsehung; der katholische Katechismus 309–314 unterscheidet Gottes Handeln von der Ursache moralischen Übels und benennt die Grenzen unseres Verstehens.
Aus keiner dieser Aussagen lässt sich sicher ableiten, warum ein bestimmter Mensch leidet. Das Buch Hiob erzählt von einem schwer leidenden Menschen, dessen Freunde sein Unglück mit persönlicher Schuld erklären wollen. Gerade diese selbstsichere Erklärung wird im Buch infrage gestellt.
„Schon jetzt – noch nicht“ erklärt, wie Gottes Sieg und fortdauerndes Leiden in den Texten zusammenstehen. Die offene Frage nach Dauer und Ausmaß des Bösen bleibt. Die christliche Hoffnung richtet sich auf die zugesagte Vollendung, in der Tod und Klage tatsächlich aufhören (Offenbarung 21,1–5).
Die Antwort auf die Ausgangsfrage
Gottes Reich hat begonnen; das Ende des Bösen steht noch aus
Das Neue Testament unterscheidet zwischen dem begonnenen Sieg Gottes durch Jesus und seiner noch erwarteten Vollendung. Deshalb können Menschen schon Befreiung und Vergebung erfahren, während Unrecht, Leid und Tod weiterhin bestehen. Erst für die Vollendung wird ihr Ende zugesagt. Damit ist erklärt, wie „Gottes Reich ist da“ und fortdauerndes Böses in diesen Texten zusammenpassen. Warum Gott gerade dieses Leiden oder eine so lange Wartezeit zulässt, ist damit noch nicht erklärt.