Biblischer Begriff
Was bedeutet Reich Gottes in der Bibel?
Ein „Reich“ ist im Alltag ein Herrschaftsgebiet, etwa ein früheres Kaiserreich. Beim „Reich Gottes“ denkt man vielleicht an den Himmel nach dem Tod. Jesus spricht aber auch davon, dass Gottes Reich bereits zu Menschen gekommen ist, während sie noch auf der Erde leben.
Im Mittelpunkt steht Gottes Herrschaft: Er handelt als König, befreit Menschen und bringt sein Recht zur Geltung. Die Bibel spricht zugleich davon, in dieses Reich hineinzugelangen. Gottes Handeln und das Leben unter seiner Herrschaft gehören zusammen.
Was kündigt Jesus an?
Zu Beginn seines öffentlichen Wirkens verkündet Jesus, Gottes Reich sei nahe gekommen. Die Menschen sollen umkehren und der guten Nachricht vertrauen (Markus 1,14–15). „Umkehren“ bedeutet hier, sich von Unrecht abzuwenden und zu Gott zurückzukehren.
Ein anderes Gespräch macht die Gegenwart dieses Reiches anschaulich. Jesus befreit Menschen von bösen Geistern. Seine Gegner behaupten, er handle dabei mit der Macht des Bösen. Er antwortet: Wenn er durch Gottes Geist befreie, sei Gottes Reich bereits zu ihnen gekommen (Matthäus 12,22–28).
Jesus zeigt also auf eine gegenwärtige Befreiung. Er spricht nicht ausschließlich von einem Ort, an den diese Menschen erst nach ihrem Tod gelangen sollen.
Bedeutet das Wort Herrschaft oder Gebiet?
Das griechische basileia kann Königsherrschaft und Königreich bezeichnen. Welche Seite gemeint ist, zeigt der jeweilige Satz. Eine Übersetzung nur mit „Gebiet“ kann Gottes Handeln verdecken; eine Erklärung, die jeden Bezug auf ein Reich oder seine Gemeinschaft ausschließt, wäre ebenfalls zu eng.
Wenn Jesus sagt, das Reich sei zu den Menschen gekommen, steht Gottes wirksame Herrschaft im Vordergrund. Wenn er von Menschen spricht, die in Gottes Reich zu Tisch sitzen, geht es um ihre Teilnahme am künftigen Leben unter dieser Herrschaft (Lukas 13,28–29).
Matthäus verwendet oft auch „Himmelreich“. Gemeint ist damit nicht grundsätzlich ein anderes Reich. Schon der Vergleich von Matthäus 19,23 und 19,24 zeigt, dass „Himmelreich“ und „Reich Gottes“ dieselbe Frage behandeln.
Ist Gottes Reich nur in unserem Inneren?
In Lukas 17 fragen einige Pharisäer Jesus, wann Gottes Reich komme. Pharisäer waren eine jüdische religiöse Bewegung, die großen Wert auf das Leben nach Gottes Gesetz legte. Jesus antwortet, man könne nicht einfach auf einen Ort zeigen und sagen: Dort ist es. Der nächste Satz wird entweder mit „in euch“ oder „mitten unter euch“ übersetzt (Lukas 17,20–21).
Weil Jesus hier zu diesen Fragestellern spricht und selbst unter ihnen handelt, ist „mitten unter euch“ eine gut begründete Lesart. Nach dieser Lesart verweist Jesus auf seine eigene Gegenwart unter den Fragestellern. „In euch“ hat eine lange Auslegungsgeschichte, sollte aber nicht ohne Weiteres bedeuten, jeder Mensch trage Gottes Reich bereits vollständig in sich.
Die übrigen Texte sprechen jedenfalls auch von Befreiung, gerechtem Handeln und einer künftigen Welt. Das Reich lässt sich deshalb nicht auf ein inneres Gefühl reduzieren.
Warum beten Christen dann noch „Dein Reich komme“?
Jesus lehrt seine Jünger im Vaterunser, um das Kommen von Gottes Reich zu bitten (Matthäus 6,10). Diese Bitte steht neben seinen Aussagen, dass das Reich bereits wirksam ist.
Paulus erklärt im ersten Korintherbrief eine entsprechende zeitliche Abfolge: Jesus ist auferstanden und herrscht; die Auferstehung der Menschen, die zu ihm gehören, und das endgültige Ende des Todes werden noch erwartet (1. Korinther 15,20–28).
Der Anfang ist also da, die Vollendung steht aus. Heilungen und Vergebung zeigen etwas von Gottes rettender Herrschaft. Sie bedeuten noch nicht, dass bereits jeder Mensch gesund ist oder kein Unrecht mehr geschieht.
Ist die Kirche das Reich Gottes?
Christliche Gemeinschaften sollen Gottes Herrschaft bezeugen und nach Jesu Weisungen leben. Das macht nicht jede kirchliche Entscheidung automatisch zu Gottes Willen. Auch ein politisches Programm kann sich nicht einfach mit seinem Reich gleichsetzen.
Gott handelt und verspricht, sein Reich zu vollenden. Menschen sollen darauf antworten: vertrauen, umkehren, gerecht handeln und auf seine Vollendung hoffen. Wie die Kirche in ihrer konkreten Gestalt mit diesem Reich zusammenhängt, wird in den christlichen Traditionen unterschiedlich beschrieben.
Die Antwort auf die Ausgangsfrage
Gottes Reich meint Gottes rettende Herrschaft und das Leben unter ihr
Mit dem Reich Gottes meint Jesus Gottes Herrschaft, die Menschen befreit und ihr Leben verändert. In seinem Wirken beginnt sie bereits; ihre Vollendung ohne Tod und Unrecht wird noch erwartet. Deshalb ist das Reich mehr als der Himmel nach dem Tod und mehr als ein gutes Gefühl im Inneren. Wer um sein Kommen betet, bittet darum, dass Gottes guter Wille wirksam wird und er sein begonnenes Werk vollendet.